Interview

Gemeindemagazin (GM): Was hat deine Arbeit in Gimbi in den letzten Jahren besonders geprägt?
Thomas Haase (T.H.): Die letzten drei Jahre waren sehr durch den Aufbau eines theologischen Seminars geprägt. Konkret hieß das: eine Bibliothek aufzubauen, Lehrräume zu arrangieren, Lernpläne zu erstellen, Studierende und Lehrkräfte zu gewinnen, einen Computerraum zu errichten, mich um die Akkreditierung zu kümmern und natürlich selber zu unterrichten. Nach drei Jahren hatten wir dann 130 Studierende. Durch besonders intensives Engagement kann man allerdings auch sehr schnell Abhängigkeiten schaffen. Teilweise habe ich 6 – 8 verschiedene Fächer in drei Jahrgängen unterrichtet.
Nach 3 Jahren Seminarbetrieb hatte ich das Gefühl, das alles relativ gut läuft und es an
der Zeit wäre, dass die örtliche Landeskirche in Gimbi weitere Lehrkräfte einstellt und
selber mehr Initiative ergreift. In anderen Bereichen wie z.B. Literaturarbeit in Oromiffa, Gefängnisseelsorge, Waisenkinderprojekt, Studentenarbeit und Fortbildungsprogramme habe ich gleich zu Beginn meiner Arbeit in Gimbi immer versucht gleichzeitig Menschen auszubilden, die diese Arbeit eines Tages übernehmen können.
Der Abschied in Gimbi ist uns sehr schwer gefallen. Auch hatten wir nicht viel
Zeit zum Abschiednehmen. Nur 3 Wochen vor unserem Deutschlandeinsatz 2012 wurde uns mitgeteilt, dass wir nach Addis Abeba umziehen werden. Schön ist, dass ich durch meine momentane Tätigkeit immer noch sehr viele Berührungspunkte mit
unserer alten Heimat habe.
GM: Wie sieht deine Arbeit aktuell aus?
T.H.: Seit September 2012 arbeite ich zur einen Hälfte als theologischer Berater für den strategischen 5-Jahres Plan der EECMY (Ethiopian Evangelical Church Mekane Yesus). Die Kirche bat mich, mich um den Bereich der theologischen Ausbildung zu kümmern. Dazu gehören Fortbildungen für Pastoren und Pastorinnen, Bibelschulen, regionale Seminare, die Pastoren auf dem Land ausbilden, das Hauptseminar in Addis Abeba und Fernstudienkurse. Die Kurse sind lange nebeneinander hergelaufen und meine Aufgabe ist es jetzt u.a. diese aneinander anzugleichen. Ich gehöre auch zu einem Team, dass die Aufgabe hat, Lehrpläne zu aktualisieren.
Wir stehen auch im Kontakt mit den Gemeinden und ermitteln, was vor Ort an
Themen und Ausbildung gebraucht wird. In einem Land mit 80 Sprachen und 240 Dialekten werden ganz vielfältige Themen und Dinge gebraucht. Andererseits gibt es oft Trennungen zwischen den verschiedenen Völkern, da ist es auch ganz wichtig, den Austausch zu fördern. Wir haben gerade einen Pfarrerverband gegründet um den Zusammenhalt und den Austausch zu stärken.
Zur anderen Hälfte arbeite ich als Regionalrepräsentant des ELM (Ev. luth. Missionswerk in Niedersachsen) in Äthiopien. Diese Tätigkeit umfasst das Entwickelnund Begleiten von Projekten in unterschiedlichen Gemeinden und Kirchenkreisen der EECMY. Da wir uns mit der EECMY immer mehr als „Partner in Mission“ verstehen, hatte ich durch diese Teilbeauftragung im Mai die Gelegenheit die Musikgruppe „Dawit Getachew & Band“ in Deutschland zu begleiten. Wir sind auf dem Kirchentag gestartet und waren dann u.a. auch in Sittensen, Berlin und Hildesheim. Eine große Tour mit allem möglichen: Kindergarten, Schule, normaler Gottesdienst, Kirchentag und vieles mehr. Es war total spannend, die interkulturellen Fähigkeiten, die sich mit den Jahren entwickelt haben auch in Deutschland einzusetzen. Es hat den Teilnehmern total gut getan und es wurden viele Vorurteile auf beiden Seiten abgebaut.
GM: Gab es während einer der vielen Stationen Gaben, die du an dir entdecken konntest, die du gar nicht erwartet hättest?
T.H.: Sprachbegabung ist etwas, was in meiner Schulzeit nicht als eine meiner Stärken galt. Doch es macht einen großen Unterschied, ob man vor Ort mit direktem Bezug zu den Menschen oder hier in Deutschland ganz theoretisch eine Sprache lernt. Dass
für mich Sprachen auch in der Familie eine so große Bedeutung bekommen würden, habe ich im Studium sicher nicht gedacht. Rechnet man die Großeltern mit, wird in unserer Familie jetzt in vier Sprachen kommuniziert. Hier in Äthiopien freuen sich immer wieder Menschen, dass ich ihre Sprache (Oromiffa) gelernt habe. Das ist sicher eine Gabe, die sich entwickelt hat.
Dass interkulturelle Fähigkeiten in mir schlummern, habe ich mir schon früher gedacht. Das war ein Grund warum ich diesen Beruf gewählt habe. Da haben sich aber sicher im Laufe der Zeit viele meiner Vorstellungen, Gedanken und Einsichten verändert.
In meiner Arbeit brauche ich sicher auch eine Gabe für Teamwork, ich muss für manche Projekte auch ganz gemischte Gruppen, teilweise von verschiedenen Kontinenten, zusammenbringen und begleiten.
GM: Bei deiner Arbeit, auch als Lehrer in den theologischen Seminaren, förderst du die Gaben anderer. Gibt es besonders einprägsame Beispiele?
T.H.: Besonders schön in der theologischen Ausbildung fand ich, dass wir auch vier Frauen ausgebildet haben, die Ayantu und ich begleitet haben. Pastorinnen sind in Äthiopien sehr ungewöhnlich und es ist toll zu sehen, was für starke Frauen sie jetzt in ihren jeweiligen Gemeinden sind.
Wichtig ist, dass man Menschen immer Freiraum zum Entfalten gibt. Wenn man einen festen Plan für sie hat, geht das meistens nicht so gut. In meinem ersten Jahr hatte ich einen jungen Mann, den ich dabei unterstützt habe an einem Programm teilzunehmen, das beim Aufbau von kleinen Läden hilft. Er hat unter anderem auch kleine Metallautos gebaut und ich dachte mir, er könnte einen Laden mit Souvenirs für Touristen aufmachen. Das hat ihn aber sehr abhängig gemacht. Eines Tages kam ich bei ihm vorbei und der Laden sah total wüst aus, weil er ganz viel Altmetall da drin hatte. Das hat aber viel besser funktioniert und heute hat er mehrere Läden und Angestellte, die wie er von der Straße kommen. Man darf Menschen nicht in Pläne pressen, die man sich für sie überlegt hat.
Für Ehrenamtliche in der kirchlichen Arbeit braucht man gezielte Förderung, dass die Menschen sich auf ihre Aufgabe gut vorbereitet fühlen. Gut ist auch, die Tätigkeiten zeitlich zu begrenzen, so dass Ehrenamtliche immer wieder die Chance haben auch etwas Neues anzufangen.
G.M.: Wie kann man für sich seine Gaben entdecken?
T.H.: Ich habe bei meiner Arbeit gemerkt, dass wenn es eine Möglichkeit gibt, Gott eine Tür öffnet. Besonders in Äthiopien habe ich gemerkt, dass diese Tür auch irgendwann mal zu und die Chance vorbei ist.Ich habe mir einen Lebensstil angewöhnt, ein Feingefühl zu entwickeln, zu spüren, wann eine solche Tür aufgeht. Da ist es wichtig, die Gabe zu haben sich in Bereiche zu trauen wo man vielleicht nicht der Experte ist. Ich arbeite z. B. immer noch für einen Verlag und muss mich mit den Details, wie man ein Buch zusammenstellt und herausgibt, befassen. Auch im medizinischen Bereich habe ich in Äthiopien gelernt wie man mit einer relativ einfachen Waschlösung sog. Elefantenfüße behandeln kann. Wenn man sich an Sachen wagt, die man vorher nicht gemacht hat, dann kann man ganz neue Gaben an sich entdecken.
GM: Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin alles Gute für deine Arbeit und deine Familie!
Das Interview führte Wiebke Dollenbacher für das Gemeindemagazin der Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Dionysius Sittensen

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